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"Mitterteich, so ein feiner orth"

Festvortrag beim Neujahrsempfang der Stadt Mitterteich anlässlich der 75-jährigen Stadterhebung am 7. Januar 2007 - von Manfred Knedlik

Eine Stadterhebung markiert einen wichtigen und bedeutenden Meilenstein in der Geschichte einer Gemeinde. Ohne Zweifel ist die Bezeichnung "Stadt" als ein besonderes Qualitätszeichen zu verstehen, ist ihre Verleihung doch an bestimmte Voraussetzungen gebunden, was z. B. die Einwohnerzahl, die Siedlungsform, die kulturellen und wirtschaftlichen Verhältnisse - oder allgemeiner: das "städtische Gepräge" - betrifft. Verknüpft ist mit diesem Prädikat also stets eine positive Beurteilung und Bewertung einer Kommune bezüglich ihrer Leistungsfähigkeit, ihres Stellenwertes im Raum und ihrer Entwicklungsperspektive. Nicht zuletzt bedeutet die Erhebung zur Stadt eine sichtbare Heraushebung aus dem Kreis der anderen Gemeinden, wodurch sich in der Folge auch ein neues Selbstverständnis und -bewusstsein der Bürgerschaft entwickelt.

Am 1. Januar 1932 erfuhr Mitterteich eine entsprechende Aufwertung - ein großes Ereignis, das trotz der "schweren Zeiten", die man allenthalben beklagte, in feierlicher und freudiger Weise begangen wurde. In seiner Festpredigt stellte Pfarrer Karl Hof "den Geburtstag der jungen Stadt" in einen historischen Kontext. Gestatten Sie mir deshalb auch heute, im Rahmen der Jubiläumsfeier zum 75. Geburtstag, zunächst einen kurzen Blick zurück in die Geschichte, auf markante Stationen in der Entwicklung zur Stadt, bevor wir uns dem großen Ereignis selbst zuwenden. Zwei Marksteinen soll dabei unser besonderes Interesse gelten: der Gewährung der Marktrechte im ausgehenden Mittelalter sowie den Wandlungs- und Modernisierungsprozessen im Zuge der Industrialisierung. Betrachtet man den historischen Werdegang in seiner zunehmenden Dynamik, so erscheint der Vorgang der Stadterhebung - dies sei hier vorweggenommen - letztlich als ein logischer und konsequenter Schritt.

Bekanntlich trat Mitterteich mit der ersten schriftlichen Erwähnung im Jahr 1185 aus dem Dunkel der Geschichte. In einem päpstlichen Schutzprivileg, datiert vom 9. März 1185, erfuhren die Besitzerwerbungen des 1133 gestifteten Zisterzienserklosters Waldsassen eine förmliche Bestätigung. Dem klösterlichen Herrschaftsbezirk gehörte danach auch das Dorf "Dich" an. Mit einiger Sicherheit hatte der Ort schon eine längere Entwicklung hinter sich, die wohl vor die Klostergründung zurückreicht, doch darüber schweigen die Quellen. Die Anfänge der Siedlung dürften an einem Bachlauf, nahe einer Furt über den Seibertsbach - im heutigen Stadtteil Anger - zu suchen sein. Nach der Ablösung älterer Besitzrechte erlangte das Kloster im Jahr 1277 die volle Landesherrschaft über Mitterteich, dessen politische, wirtschaftliche und kirchliche Verfassung in den folgenden Jahrhunderten fast ausschließlich durch Abt und Konvent bestimmt, geprägt und gestaltet wurde.

Ein entscheidendes Ereignis an der Wende vom Spätmittelalter zur frühen Neuzeit bildete 1501 die Verleihung der Marktrechte und die planmäßige Neugründung eines breiten Straßenmarktes an dem wichtigen Handelsweg von Regensburg nach Eger im Bereich des heutigen Kirchplatzes. In Ausübung seiner landesherrlichen Befugnisse hatte Abt Georg Engel damit einen bürgerlich-urbanen Lebensraum konstituiert, dessen Bewohner aus dem Untertanenverband des umliegenden Gebietes hervorgehoben waren, und gute Voraussetzungen für eine gedeihliche Entwicklung in Wirtschaft und Handel geschaffen. Freilich verlief die Privilegierung nicht ohne innere Widersprüchlichkeit. Nur wenige Jahre später empfanden die Bürger ihren neuen Status - einige Quellen sprechen sogar von "Stadtrechten" - bereits als Belastung. Vielleicht war der damals übliche Bau einer festen Umwehrung als Voraussetzung und Sicherung städtischen Lebens, was schließlich beträchtliche Kosten verursacht hätte, finanziell nicht zu bewältigen. Da die ursprünglichen Bestimmungen also nicht zum erwarteten Vorteil gereichten, gab man Abt und Konvent den gewährten Privilegienbrief zurück und suchte um "andere Freyheiten [und] Begnadungen" nach. Offensichtlich erwartete die Bürgerschaft in der bedrängten Lage, in die sie infolge der Brandschatzungen und Plünderungen während des Landshuter Erbfolgekrieges (1504) geraten war, weitreichendere Rechte und Nutznießungen. Da Abt Andreas Metzel das Ansinnen als gerechtfertigt anerkannte, stellte er am 12. August 1516 einen neuen, verbesserten und erweiterten Freiheitsbrief aus.

Mit der Gewährung eines freien Wochenmarktes am Donnerstag wurde nun eine entscheidende Grundlage ökonomischer Bedeutung geschaffen. Fortan diente der Markt, der einen großen Einzugsbereich aus den umliegenden Dörfern aufwies, als wichtiger Wirtschafts- und Handelsplatz. Ein erhebliches Privileg bildete auch das Brau- und Schankrecht, das der Kommune beträchtliche Einnahmen bescherte. Die 1516 verliehenen Marktfreiheiten stellten somit einen wichtigen Schritt zu einer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fortentwicklung im 16. Jahrhundert dar. Weitere Privilegien, wie die Verleihung des Salzhandels, die Einrichtung von jährlich fünf Ross- und Viehmärkten mit entsprechender Bannmeile (1568), das Recht zum Wollkauf und -handel sowie das Aufstellen einer Marktwaage mit der Erlaubnis, "Waggelt" zu erheben (1593), setzten eine zusätzliche Dynamik in Gang. "Mitterteich, so ein feiner orth" - so fasste der humanistische Gelehrte Martin Zeiller, bedeutender Beiträger zu Matthäus Merians "Bayerischer Topographie", im Jahr 1612 seine Reiseeindrücke in dem populären "Teutschen Reyßbuch durch Hoch und Nider Teutschland" zusammen. Ein unmittelbares Zeugnis dieser Epoche steht uns mit dem ältesten noch erhaltenen Baudenkmal in Mitterteich vor Augen. Der mächtige Wehr- und Kirchturm, errichtet 1606, erweckt durchaus den Eindruck eines gewissen Wohlstandes, den das bürgerliche Gemeinwesen infolge der Markterhebung erlangt hatte.

Machen wir einen Zeitsprung in die Epoche der beginnenden Industrialisierung. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts besaß Mitterteich den Charakter einer vorwiegend von handwerklich betriebener Tuch- und Leinenweberei geprägten Ackerbürgergemeinde, das heißt, auch für die Gewerbetreibenden bildete die Landwirtschaft eine wichtige Basis zur Existenzsicherung. In dem 1731 bis 1734 errichteten repräsentativen Rathaus am Scheitelpunkt des Marktplatzes hatte das gewachsene bürgerliche Selbstbewusstsein seinen architektonischen Ausdruck gefunden. Die bürgerliche Behäbigkeit und Beharrlichkeit, die der mächtige, gedrungene Bau ausstrahlt, darf indes nicht den Blick auf die Zielstrebigkeit verstellen, mit der die Gemeindeväter auf neue Herausforderungen, auf wirtschaftlichen, sozialen und gesellschaftlichen Wandel zu reagieren wussten. Dank der "Unternehmungslust und der Gewandtheit tatkräftiger, weitschauender Männer" - um die erwähnte Festpredigt von Pfarrer Karl Hof nochmals zu zitieren - eröffneten sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts für den Markt neue, zukunftsweisende Perspektiven.

Der Aufbruch ins Industriezeitalter stand in engem Zusammenhang mit der Erschließung des Lebensraumes durch die Eisenbahn. Am 15. August 1864 erreichten die Schienen der "Königlich privilegierten bayerischen Ostbahnen" von Schwandorf aus Mitterteich, womit eine Verbindung zu den Wirtschaftsregionen um Regensburg bzw. Nürnberg geschaffen war. Ein gutes Jahr später, am 1. Oktober 1865, wurde die Strecke von Mitterteich nach Eger in Betrieb genommen und damit der Anschluss zum böhmischen Kohlerevier hergestellt, der den kostengünstigen Transport von Brennstoffen erlaubte. Aufgrund dieser günstigen wirtschafts- und verkehrsgeographischen Voraussetzungen siedelten sich seit Beginn der 1880er Jahre die ersten Unternehmen der Glas- und Porzellanproduktion an. 1883 errichteten die Fürther Glasfabrikanten Moritz Krailsheimer und Georg Miederer auf einem Grundstück, das ihnen der Gasthof- und Gutsbesitzer Josef Wiendl zur Verfügung gestellt hatte, ein modernes Werk, wo die Fertigung von Spiegel- und Tafelglas im industriellen Maßstab erfolgte. Die Erweiterung der Produktpalette um optische Spezialgläser förderte den dynamischen Fortschritt des Glaswerkes, das sich als bedeutender Wirtschaftsfaktor etablierte. Aus bescheidenen Anfängen entwickelte sich eine 1886 errichtete Fabrikationsstätte für Gebrauchsporzellan zu einem ansehnlichen Industriebetrieb, der seit 1917 von einer örtlichen Interessengemeinschaft um Josef Wiendl sowie die Brüder Hans und Martin Zehendner unter dem Namen "Porzellanfabrik Mitterteich AG" fortgeführt wurde. Zu den frühen Unternehmen dieser Branche zählte auch die 1899 gegründete Fabrik des Porzellandrehers Julius Rother, die trotz starker Konkurrenz einen stetigen Aufschwung erlebte. Welche Bedeutung der keramischen Industrie in Mitterteich schon bald zukam, verdeutlicht eine Aufstellung des Porzellanarbeiterverbandes aus dem Jahr 1910, wonach über 400 Personen in diesem Zweig eine Beschäftigung gefunden hatten.

Mit der Industrialisierung hatte in der Marktgemeinde eine aufstrebende Entwicklung eingesetzt, die u. a. mit einem beträchtlichen Anstieg der Einwohnerzahl und einer regen Bautätigkeit verbunden war. Einige wenige Zahlen mögen dies illustrieren: Lebten 1861 noch rund 1600 Menschen in Mitterteich, so waren es zur Jahrhundertwende schon über 2900 und im Jahr 1929 sogar an die 4400. Die Einwohnerzahl hatte sich also im Lauf von zwei Generationen nahezu verdreifacht, der Anteil der Erwerbstätigen (einschließlich der Familienangehörigen) im Sektor Industrie übertraf nun die Zahl der alteingesessenen Bürger und Handwerker deutlich. Und noch ein kurzer Blick auf die bauliche Verdichtung: 1867 standen im Ortsgebiet 273 Häuser, 1929 waren es 471, darunter - als moderne Sozialbauten - die großen Wohnkomplexe für die "Gloserer" auf dem Werksgelände. Innerhalb weniger Jahrzehnte hatte sich das Ortsbild erheblich verändert und Mitterteich einen zunehmend urbanen Charakter entwickelt. In der Bevölkerung wuchs der Wunsch, diesen Aufschwung auch nach außen hin zu dokumentieren. Am 30. Dezember 1929 wurde daher im Marktgemeinderat, ohne Gegenstimme, folgender Antrag verabschiedet: "Das Bezirksamt Tirschenreuth wird höflichst ersucht, beim Staatsministerium des Innern zu erwirken, dass der Markt Mitterteich zur Stadt erhoben wird." Zur Begründung führte man u. a. die "vielen Neuerungen" in den vergangenen zehn Jahren an, darunter die Verbesserung der Wohnungs-, Kanalisations- und Straßenverhältnisse, die Mitterteich "der Bezeichnung - Stadt - würdig" erscheinen ließen.

Noch eingehender wurde die Entwicklung des Ortes in einer am 7. Februar 1930 beim Bezirksamt Tirschenreuth eingereichten Dokumentation geschildert. In den Mittelpunkt stellte man die wirtschaftliche Stärke der Marktgemeinde mit ihrer Vielzahl an Industrie-, Handels- und Gewerbebetrieben. Insgesamt waren in der "hiesigen Industrie 1392 Personen" beschäftigt, davon 627 in den beiden Abteilungen der Porzellanfabrik Mitterteich, 498 im Glaswerk und 195 in der Porzellanfabrik Rieber. Außerdem verwies man auf die positive Infrastruktur, was die schulischen, sportlichen und medizinischen Einrichtungen betraf, die geordneten Finanzen, die "als günstig bezeichnet werden dürfen", sowie auf die guten Entwicklungsperspektiven: "Neubaugelände wurde in der gesündesten Lage erschlossen und wird dieses durch eine neue Straße mit den Hauptstraßen verbunden." Gemeint war die vorstädtische Kleinsiedlung, wo 1932 der modellhafte Bau von 24 einfachen, "gesunden" und preiswerten Häusern für Arbeiterfamilien beginnen sollte. Auch zeugten die asphaltierten Hauptstraßen, der Bau eines eigenen Hochwasserreservoirs (1906) und Elektrizitätswerks (1909/10) oder die Einrichtung einer "Kleinkinderbewahranstalt" (1913) im neuen Mädchenschulhaus von der Fortschrittlichkeit der Gemeinde. Die souveräne Selbstdarstellung schloss mit einem eindringlichen Appell: "Zusammenfassend kann behauptet werden, dass die Gemeindeverwaltung der raschen Entwicklung und der fortwährenden Vergrösserung des Ortes durch geeignete Maßnahmen auf allen Gebieten Rechnung getragen hat und dass daher die Erhebung der Marktgemeinde Mitterteich zur Stadt gerechtfertigt erscheint." Das Bezirksamt Tirschenreuth befürwortete die Stadterhebung nachdrücklich, denn diese "würde zweifellos die Liebe der Mitterteicher zu ihrer Heimat vertiefen und stärken und für das ganze Stiftland eine Auszeichnung bedeuten."

Durch Beschluss des Bayerischen Staatsministeriums des Innern vom 19. Dezember 1931 wurde dem Antrag des Marktes Mitterteich entsprochen und der "aufstrebenden Gemeinde" mit Wirkung vom 1. Januar 1932 die Bezeichnung "Stadt" verliehen. Mit einer besonderen Geste brachte der Künstler Herbert Molwitz seine Anteilnahme an dem außergewöhnlichen Ereignis zum Ausdruck: Er verehrte den Gemeindevätern aus diesem Anlass eine Radierung mit Blick "von Büchlberg" auf Mitterteich, die heute das Fraktionszimmer im Alten Rathaus ziert.

Unverzüglich begannen die Vorbereitungen für den "Geburtstag der Stadt Mitterteich", den man in einem würdigen Rahmen, angesichts der "schweren Zeiten" jedoch in aller Bescheidenheit begehen wollte. Bereits am Vorabend des Festtages erklang vor dem Rathaus eine Serenade, bei der Stadtkapellmeister Wolfgang Zöllner auch einen vom ihm komponierten "Stadtmarsch" zu Ehren des Bürgermeisters Martin Zehendner zur Aufführung brachte. Dem tatkräftigen und ideenreichen Kommerzienrat, der zwischen 1925 und 1933 die Geschicke Mitterteichs lenkte, kam - allseits anerkannt - ein besonderes Verdienst um die kommunale Rangerhöhung zu. Feierliches Glockenläuten und Böllerschüsse um Mitternacht kündigten den Festtag an. Am Vormittag des 1. Januar 1932 versammelten sich alle wichtigen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, darunter der "vollzählig vertretene Stadtrat und die städtischen Beamten" sowie Vertreter aller Vereine, am festlich geschmückten Marktplatz zum Kirchenzug. Dem Anlass angemessen, galt für die Räte eine strenge Kleiderordnung: Mantel, Zylinder, schwarze Krawatte und Handschuhe. In der Pfarrkirche wurde ein feierliches Hochamt zelebriert. Pfarrer Karl Hof gedachte in seiner Festpredigt nicht nur der weitblickenden Unternehmerpersönlichkeiten, die für das "Wohl" und den "Aufstieg" ihrer Vaterstadt gesorgt hatten; lobende Worte fand er auch für die "Arbeiterschaft", auf deren Fleiß, Eifer und Kunstfertigkeit der "mächtige Aufschwung" ganz wesentlich gründete. Der kirchlichen Feier schloss sich ein weiterer Umzug mit der Kapelle Zöllner an. Mit einem Festmahl für die Würdenträger, die ihrer Hoffnung auf eine gedeihliche Fortentwicklung der jungen Stadt Ausdruck gaben, und geselligen Runden hochgestimmter Bürger klang der Festtag "in Freude und Dank" aus.

In dramatischem Kontrast zu dieser freudigen Atmosphäre standen die nachdenklichen, mahnenden Stimmen, die durchaus auch zu vernehmen waren. So verknüpfte der Regensburger Bischof Michael Buchberger seine Glück- und Segenswünsche mit einer eindringlichen Erinnerung an die "ernsten und bewegten Zeiten". Schon warf das "Dritte Reich" seine Schatten voraus. Nur gut ein Jahr nach der Stadterhebung, am 9. März 1933, erfolgte die nationalsozialistische "Machtübernahme", die Zeit der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen "Gleichschaltung" hatte begonnen. Auch in Mitterteich war das öffentliche und private Leben beständigen Zermürbungs- und Einschüchterungsversuchen der neuen Machthaber ausgesetzt. Vielfach arrangierte sich die Bevölkerung in stiller Resignation mit den Verhältnissen, mehr noch: Die städtische Gemeinschaft blieb nicht von Verstrickungen in das totalitäre System, von menschlichen Verwerfungen und Brüchen verschont. Und dennoch: Auch in dieser bitteren Zeit waren Bekennermut und Zivilcourage zu beobachten, auf subtile Weise setzten unerschrockene Menschen ein Signal: Als schmerzlichen Stachel musste das Regime etwa die volkreichen Fronleichnamsprozessionen empfinden, die zu machtvollen Demonstrationen des Glaubens in einer kirchenfeindlichen Umgebung gerieten.

Doch damit haben wir bereits ein neues Kapitel aufgeschlagen, das an dieser Stelle nicht weiter vertieft werden soll. Im neuen Heimatbuch wird der interessierte Leser auch einen kompakten Überblick über diese Epoche der Stadtgeschichte finden.

Machen wir abschließend einen weiteren Zeitsprung: in die Gegenwart - und dies ist ganz wörtlich aufzufassen: Wir nehmen heute, in diesem festlichen Rahmen, die Stadterhebung vor 75 Jahren zum Anlass für eine Gedächtnisfeier. Die Magie "runder" Jubiläen ist unbestritten. Überspitzt ausgedrückt: Das Stadtjubiläum hat sich zu einem festen Bestandteil der Kommunalpolitik entwickelt. Aber ist die Feier von Stadtjubiläen, deren Tradition in die Frühzeit des bürgerlichen Zeitalters, also in den Beginn des 19. Jahrhunderts zurückreicht, im 21. Jahrhundert noch zeitgemäß? Diese Frage ist leichter gestellt als beantwortet. Entbehrlich sind Veranstaltungen mit reinem "Eventcharakter", zu widersprechen ist einer "Festivalisierung" von Anlässen um ihrer selbst willen. Worauf es vielmehr ankommt, ist Stadtjubiläen als eine Art Chance, oder anders formuliert: als Marketing-Faktor - mit Blick auf eine ganzheitliche, strategische Entwicklung des Gemeinwesens - zu begreifen. Gerade in Zeiten der Globalisierung können Jubiläen dazu beitragen, den Bezug der Bürger zu ihrer Heimatstadt zu verstärken, ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu schaffen, Identität zu stiften, und Bürgersinn zu mobilisieren. Und: Jubiläen sind nie nur historisch. Es geht immer auch um eine Leistungsschau mit Aktualitätsbezug, die Signale für die Zukunft gibt. Das 75-jährige Stadtjubiläum, dessen Auftakt wir heute feiern, sollte sich daher nicht einseitig in historischer Rückschau erschöpfen, sondern auch als Inspiration dienen. Die von diesem großen Ereignis ausgehende Kraft und Dynamik gilt es zu nützen, zu bündeln und auszubauen, um den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu begegnen.

 

 

 

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